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Der Staat ist ein Wahn (by Gustav Landauer)

Dieses Thema im Forum "Philosophisches und Grundsätzliches" wurde erstellt von Libertarian, 9. Dezember 2017.

  1. Libertarian

    Libertarian Gesperrter Benutzer

    Beiträge:
    137
    Registriert seit:
    7. Dezember 2017
    Der Staat ist ein Wahn

    Der Staat ist ein Wahn oder eine Illusion. Wahn oder Illusion ist alles was die Menschen über Fressen, Saufen und Begatten hinaus haben; Wahn ist auch in unser Essen, Trinken und Lieben hinein gekommen. Wahn ist jedes Banner, dem die Menschen folgen; jeder Trommelschlag, der die Menschen in Gefahren führt; jeder Bund der die Menschen vereint und aus einer Summe von Einzelwesen ein neues Gebilde, einen Organismus schafft. Wahn ist das höchste, was der Mensch hat; immer ist etwas von Liebe in ihm; Liebe ist Geist und der Geist ist Liebe: und Liebe und Geist ist Wahn. Man glaube ja nicht, der Staat sei alter Wahn, der umgestoßen, erneuert oder ersetzt werden müsse. Es gibt nichts der Verehrung Würdigeres als alten Wahn, selbst wenn er im Hinschwinden ist oder im Wege steht; es gibt nichts Mächtigeres als alten Wahn, der noch lebendig ist und von Geschlecht zu Geschlecht geht; und es ist immer etwas Häßliches um neuen Wahn, der trüb, übergreifend und unsicher ist wie junge Hunde oder junger Wein.

    Der Staat ist nicht so ein alter Wahn und ist nicht so ein wunderlich unheiliger junger Wahn. Der Staat ist nie jung gewesen und kann nie heilig werden. Er ist infam. Es gibt aber echten und falschen Wahn. Es gibt lebendigen und notwendigen Wahn. Der echte Wahn sitzt im Innern des Individuums, und es schafft die Gleichheit des Wahnes in den Mehreren das äußere Gebilde. Der echte Wahn ist verbindende Eigenschaft. Die Liebe ist eine Bereitschaft und Wirklichkeit, die im Menschen drin sitzt; sie hat die Familie gegründet; sie und ihre dionysische Hingabe hat die Tragödie und die Götterbilder geschaffen; so auch war das Wesen des Christentums, als es im Mittelalter lebendig war: Liebe und menschenverbindender, alleinverbindender Geist. So wäre der Sprachverband der Nation, wenn der Staat ihn nicht bedrängte und beengte; so ist die Rasse der Juden trotz allem Staat; so ist es überall, wo eine Wirklichkeit: Klima oder Geblüt oder Geschichte oder zusammenschweißende Not, irgendwo in den Seelen eine Gleichheit und aus den Personen einen Bund, eine nicht juristische, sondern geistige Person, einen Organismus höherer Ordnung geschaffen hat.

    So war der Stammesrat; so war die Stadtrepublik. Aber so ist nicht der Staat. Der sitzt nicht in den Herzen der Seelenleibern der ihm Angehörigen. Der Staat ist nie zur Individualeigenschaft, nie zur Wahrheit, nie zum echten Wahn geworden. Vergeblich hat es seit dem Ausgang des Mittelalters der Staat versucht, an die Stelle der verfallenden Städterepubliken, Stammesbünde, Gilden und Brüderschaften, Dorfgemeinen, Stiftungen und Korporationen zu treten. Der echte Wahn trägt den Geist in alles hinein, was er berührt; er hat den alten Städten, den Häusern, den toten Dingen des Gebrauches Form und Schönheit und Leben gegeben; der Staat aber hat keinen Geist, hat nie einem Dinge Schönheit geschenkt, hat alles kalt und tot gelassen oder gemacht. Form an toten Dingen ist Notwendigkeit mit dem Schein der Freiheit; die Form, in der lebendige Wesen sich zum Bunde gestalten, zu einem höheren Organismus vereinen, ist Notwendigkeit mit dem Gefühl der Freiwilligkeit. Die Form und Unform des Staates aber ist der Zwang und die Gewalt.

    -Gustav Landauer (geboren 1870 - ermordet 1919)
     

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